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Legal AI Schweiz: Vergleich und Auswahlkriterien 2026

Zuletzt aktualisiert am

von

Fabian Staub

Fabian Staub

|

Co-Founder & CEO

Der Schweizer Legal-AI-Markt zerfällt in zwei Gruppen: internationale Dokumentplattformen wie Harvey, Legora oder Spellbook und Schweizer Recherchespezialisten wie Omnilex, Jurata oder Swisslex. Wer beide vergleicht, ohne den Unterschied zu kennen, vergleicht Werkzeuge für verschiedene Aufgaben. Entscheidend sind fünf Kriterien, die in der Schweiz anders gewichtet werden als in Deutschland.

Zwei Anbietergruppen, zwei Ausgangspunkte

Die Gruppen unterscheiden sich nicht im Funktionsumfang, sondern darin, wo sie herkommen.

Internationale Dokumentplattformen sind aus der Vertrags- und Transaktionsarbeit heraus entstanden. Sie prüfen Dokumente, entwerfen Klauseln, arbeiten im Text. Ihre Rechtsquellen sind selten auf einen einzelnen Markt zugeschnitten, ihre Zielkunden sind grosse Kanzleien und Rechtsabteilungen mit internationalen Mandaten.

Schweizer Recherchespezialisten kommen von der anderen Seite. Ihr Ausgangspunkt ist die Rechtsquelle: Bundesgerichtsentscheide, kantonale Rechtsprechung, Kommentare, Fachzeitschriften. Swisslex etwa erschliesst seit 1986 Schweizer Rechtsliteratur und hat die Datenbank inzwischen um semantische Suche und dialogbasierte Recherche erweitert. Omnilex und Jurata AI sind jünger und von Beginn an KI-basiert.

Die praktische Konsequenz: Ein Recherchewerkzeug beantwortet die Frage, wie das Bundesgericht eine Klausel beurteilt. Eine Dokumentplattform schreibt die Klausel um. Beides ist juristische Arbeit, aber es sind verschiedene Arbeitsschritte.

Warum deutsche Vergleichslisten in der Schweiz in die Irre führen

Die meisten deutschsprachigen Übersichten sind für den deutschen Markt geschrieben. Der umfangreichste Vergleich im deutschsprachigen Raum listet siebzehn Werkzeuge und stützt seine Datenschutzbewertung auf die BRAO und die Vorgaben der Bundesrechtsanwaltskammer. Die Schweiz kommt darin nicht vor.

Für Schweizer Kanzleien fehlen damit genau die Punkte, an denen eine Auswahl scheitert: das Berufsgeheimnis nach Art. 321 StGB, das sich nach Ziff. 1 ausdrücklich auf Hilfspersonen erstreckt, die Pflicht nach Art. 13 BGFA, für dessen Einhaltung durch Hilfspersonen zu sorgen, sowie die Anforderungen des revDSG an die Bekanntgabe von Personendaten ins Ausland nach Art. 16 revDSG. Ein Tool, das nach BRAO-Massstab unbedenklich ist, kann in einer Zürcher Kanzlei trotzdem ausscheiden.

Welche fünf Kriterien in der Schweiz den Ausschlag geben

Datenresidenz und Berufsgeheimnis

Die zentrale Frage lautet nicht, ob ein Anbieter DSGVO-konform ist, sondern wo Daten liegen, wer sie sehen kann und ob der Anbieter vertraglich in die Stellung einer Hilfsperson eintritt. Wer mit Mandatsdaten arbeitet, braucht eine belastbare Antwort auf drei Punkte: Speicherort, Verarbeitungsort der KI-Modelle und Umgang mit Missbrauchskontrolle beim Modellanbieter. Der letzte Punkt wird regelmässig übersehen, obwohl er darüber entscheidet, ob Dritte im Fehlerfall Einblick in Prompts erhalten.

Wie früh dieses Kriterium greift, beschreibt Dr. Martin E. Looser, Partner bei Küng Rechtsanwälte: "Als Schweizer Kanzlei war für uns klar: Unsere Daten bleiben in der Schweiz." Die Vorgabe ist nicht technischer, sondern berufsrechtlicher Natur, und sie schliesst Anbieter aus, bevor der Funktionsvergleich überhaupt beginnt.

Mehrsprachigkeit über drei Rechtssprachen

Schweizer Recht existiert in drei Amtssprachen, und Entscheide werden in der Sprache des Verfahrens publiziert. Ein Werkzeug, das nur deutschsprachige Quellen erschliesst, übersieht die welsche und die Tessiner Rechtsprechung zu derselben Rechtsfrage. Für Kanzleien mit Mandaten über die Sprachgrenze hinweg ist das kein Komfortmerkmal, sondern eine Frage der Vollständigkeit.

Kantonale Rechtsprechung

Bundesgerichtsentscheide sind gut zugänglich und in fast jedem Werkzeug enthalten. Der Unterschied zeigt sich eine Ebene tiefer: Obergerichte, Handelsgerichte, kantonale Verwaltungsgerichte. Gerade im Bau-, Miet- und Arbeitsrecht entscheidet die kantonale Praxis den Fall, und die Abdeckung schwankt zwischen den Anbietern erheblich.

Quellentreue

Eine Antwort ohne nachprüfbare Fundstelle ist für die Aktennotiz unbrauchbar. Brauchbar wird sie erst, wenn sich jede Aussage bis zur Erwägung zurückverfolgen lässt und erkennbar bleibt, worauf sich das System stützt. Bei der Bewertung lohnt der Test mit einer Rechtsfrage, deren Antwort bereits bekannt ist.

Integration in den Arbeitsablauf

Der praktische Nutzen entscheidet sich daran, ob das Werkzeug dort arbeitet, wo das Dokument entsteht. Anbieter wie Spellbook oder CASUS setzen auf ein Add-in in Microsoft Word, das den Wechsel zwischen Anwendungen und das Zurückkopieren von Textbausteinen erspart. Eine reine Weboberfläche zwingt zu einem Medienbruch pro Änderung, was bei einem dreissigseitigen Vertrag mit vierzig Anpassungen ins Gewicht fällt.

Was die erste AI Legal Research Challenge gezeigt hat

Am 17. Juni 2026 hat Weblaw am 12. Weblaw Forum LegalTech in Zürich die erste AI Legal Research Challenge durchgeführt. Sieben Anbieter traten an: Omnilex, Opencaselaw, Silex, Jurata, Unplex, LibraTech und Weblaw Lawsearch. Alle Systeme erhielten identische Eingaben, die Abfragen wurden zentral in einer durchgehenden Sitzung durchgeführt und vollständig aufgezeichnet.

Aufschlussreich ist weniger das Ergebnis als die Auswahl der Prüfkriterien. Getestet wurde, wie die Systeme mit Mehrsprachigkeit, kantonaler Rechtsprechung und Quellentreue umgehen. Das sind dieselben drei Punkte, an denen sich Werkzeuge im Schweizer Alltag unterscheiden, und sie tauchen in keiner internationalen Feature-Liste auf. Wer eine eigene Evaluation aufsetzt, kann sich an diesem Aufbau orientieren: identische Fragen an alle Kandidaten, in einer Sitzung, protokolliert.

Anbieter einordnen statt ranken

Eine Rangliste über beide Gruppen hinweg ist wenig hilfreich, weil sie verschiedene Aufgaben vermischt. Nützlicher ist die Zuordnung nach Schwerpunkt:

Schwerpunkt

Typische Vertreter

Passt, wenn

Schweizer Recherche

Swisslex, Omnilex, Jurata AI, Weblaw Lawsearch

Rechtsfragen und Fundstellen den Alltag bestimmen

Internationale Dokumentarbeit

Harvey, Legora, Spellbook

Transaktionen und englischsprachige Vertragswerke dominieren

All-in-one-Plattform mit Schweizer Rechtsbezug

CASUS

Dokumentarbeit in Word und Rechtsfragen im selben Ablauf anfallen

Die Preismodelle sind nur begrenzt vergleichbar. Omnilex weist öffentlich CHF 1'600 bis 2'000 pro Nutzer und Jahr aus, Swisslex und Jurata AI nennen keine Listenpreise. Bei Anbietern ohne öffentliche Preise lohnt die frühe Nachfrage nach Mindestabnahme und Vertragsdauer, weil beides die Gesamtkosten stärker beeinflusst als der Nutzerpreis.

Wie die Auswahl in der Praxis abläuft

Eine Zürcher Wirtschaftskanzlei mit zwölf Anwältinnen und Anwälten geht typischerweise so vor: Zuerst wird festgehalten, welcher Arbeitsschritt tatsächlich Zeit kostet. Sind es Rechtsfragen ohne klare Fundstelle, führt der Weg zu einem Recherchewerkzeug. Ist es die Durchsicht von Vertragsentwürfen, zu einer Dokumentplattform.

Danach folgt der Test mit echten Fällen, nicht mit Demodaten. Drei bis fünf abgeschlossene Mandate, deren Ergebnis bekannt ist, zeigen innerhalb einer Woche mehr als jede Produktpräsentation. Erst zum Schluss kommt die Vertragsprüfung: Auftragsbearbeitung nach Art. 9 revDSG, Speicherort, Regelung zu Unterauftragsverarbeitern und die Frage, ob der Anbieter die Stellung als Hilfsperson des Anwalts vertraglich anerkennt.

Ein verbreiteter Fehler ist die Bewertung nach Funktionsumfang. Ein Werkzeug, das zwanzig Funktionen bietet und in keiner überzeugt, kostet mehr Zeit als eines, das eine Aufgabe zuverlässig übernimmt.

Wo CASUS in dieses Bild passt

CASUS gehört zur dritten Kategorie: eine Plattform, die Dokumentarbeit und Rechtsquellen im selben Ablauf zusammenführt, statt eines davon abzudecken.

Auf der Dokumentseite stehen Risk Review mit Risikoanalyse aus Parteiperspektive und Schweregrad je Finding, Benchmark für den Abgleich gegen ein Playbook mit Prozentwert, Proofread für Querverweise, Definitionen und Nummerierung sowie der AI Data Room, der definierte Felder aus vielen Dokumenten in eine Tabelle extrahiert. Dossiers halten den Kontext über bis zu 100 Dokumente hinweg, sodass Fragen über eine ganze Sammlung hinweg beantwortet werden. Die Änderungen werden formatgerecht in Word übernommen.

Auf der Recherche-Seite deckt Legal Research 1,8 Millionen Entscheide und Artikel aus dem DACH-Raum ab; für die Schweiz werden die relevanten Erwägungen im Ergebnis hervorgehoben. Die Daten liegen in der Schweiz, die Modellinferenz findet in Europa statt, und CASUS-Mitarbeitende sind als Hilfspersonen des Anwalts nach Art. 321 StGB an das Berufsgeheimnis gebunden. Details dazu stehen auf der Seite zur Sicherheit.

Zum Kundenkreis gehören Kanzleien beider Sprachregionen, darunter das Studio Legale e Notarile Niccolò Salvioni im Tessin.

Wer prüfen will, ob das zum eigenen Ablauf passt, kann CASUS 14 Tage kostenlos testen. Sinnvoll ist der Test mit einem abgeschlossenen Mandat, dessen Ergebnis bereits feststeht. Der Preis liegt bei CHF 145 pro Nutzer und Monat, bei Jahresabrechnung bei CHF 120 (Stand August 2026).

Eine ausführlichere Gegenüberstellung einzelner Anbieter findet sich im unabhängigen Vergleich der zehn besten Legal-AI-Tools, eine Vertiefung zur Recherche in den besten Legal-Research-Tools für die Schweiz.

FAQ

Welche Legal-AI-Tools eignen sich für Schweizer Kanzleien?

Das hängt vom Arbeitsschritt ab. Für Recherche in Schweizer Rechtsquellen sind Swisslex, Omnilex, Jurata AI und Weblaw Lawsearch etabliert. Für Vertrags- und Dokumentarbeit kommen internationale Plattformen wie Harvey, Legora oder Spellbook sowie CASUS in Frage. Entscheidend ist, welche Aufgabe im Alltag die meiste Zeit kostet.

Worin unterscheidet sich die Auswahl in der Schweiz von jener in Deutschland?

Massgeblich sind das Berufsgeheimnis nach Art. 321 StGB und Art. 13 BGFA statt der BRAO, das revDSG statt allein der DSGVO sowie die Anforderungen an Mehrsprachigkeit und kantonale Rechtsprechung. Deutsche Vergleichslisten decken diese Punkte nicht ab.

Was ist die AI Legal Research Challenge?

Ein Vergleichstest von Weblaw, erstmals durchgeführt am 17. Juni 2026 in Zürich. Sieben Anbieter juristischer Recherchelösungen erhielten identische Aufgaben unter Zeitdruck. Geprüft wurden Mehrsprachigkeit, kantonale Rechtsprechung und Quellentreue.

Wie lässt sich prüfen, ob ein Tool das Berufsgeheimnis wahrt?

Drei Fragen führen weiter: Wo werden Daten gespeichert und wo verarbeitet? Ist die Missbrauchskontrolle beim Modellanbieter abbedungen, sodass keine menschliche Durchsicht stattfindet? Erkennt der Anbieter vertraglich an, als Hilfsperson des Anwalts an das Berufsgeheimnis gebunden zu sein?

Reicht ein allgemeines KI-Werkzeug wie ChatGPT für juristische Arbeit?

Für Formulierungsentwürfe ohne Mandatsbezug kann es genügen. Für Recherche fehlt die Anbindung an Schweizer Rechtsquellen samt Fundstellen, und für Mandatsdaten fehlen die vertraglichen Zusagen zu Speicherort und Vertraulichkeit.

Wie lange dauert eine seriöse Evaluation?

Zwei bis vier Wochen reichen aus, wenn mit echten, abgeschlossenen Fällen getestet wird. Länger dauernde Pilotprojekte scheitern meist nicht an der Technik, sondern daran, dass niemand die Zeit für strukturierte Tests findet.

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