Künstliche Intelligenz verändert die juristische Arbeit schneller als viele erwartet haben. Für Anwälte stellt sich nicht mehr die Frage, ob KI relevant ist – sondern welche Werkzeuge sich für welche Aufgaben eignen, wo Grenzen bestehen und welche Anforderungen an Datenschutz und Sorgfalt einzuhalten sind. Dieser Beitrag gibt einen strukturierten Überblick: Was kann KI für Anwälte heute leisten, wo liegen die Risiken, und worauf kommt es bei der Auswahl eines geeigneten Tools an?
Was KI für Anwälte heute konkret leisten kann
Vertragsanalyse und Risikobewertung
Einer der zentralen Anwendungsbereiche ist die Analyse von Verträgen. KI-gestützte Tools können Verträge systematisch auf Risiken, Red Flags und unausgewogene Klauseln prüfen – gegliedert nach Parteiperspektive und Schweregrad. Statt einen Vertrag linear durchzulesen, erhalten Anwälte eine strukturierte Übersicht der relevanten Findings mit konkreten Verbesserungsvorschlägen.
Moderne Legal-AI-Systeme gehen dabei über eine reine Zusammenfassung hinaus: Sie ordnen Risiken den jeweiligen Vertragsparteien zu, priorisieren nach Schweregrad (niedrig, mittel, hoch) und liefern direkt einsetzbare Formulierungsoptionen. Das beschleunigt nicht nur die Analyse, sondern erleichtert auch die Vorbereitung von Vertragsverhandlungen.
Benchmarking gegen Standards und Playbooks
Ein weiterer Einsatzbereich ist der Vergleich eines Vertragsdokuments mit einem internen Standard oder einem anerkannten Best-Practice-Rahmen – etwa für SPAs, NDAs oder Datenschutzverträge. KI kann prüfen, ob relevante Klauselthemen vorhanden und ausreichend ausgestaltet sind, ob Haftungsgrenzen fehlen, IP-Rechte unklar geregelt sind oder Vertraulichkeitsklauseln unvollständig bleiben. Das Ergebnis ist ein klares Bild der Abweichungen – inklusive Empfehlungen und der Möglichkeit, fehlende Klauseln direkt einzufügen.
Juristisches Recherchieren und Ersteinschätzungen
KI kann auch bei der juristischen Recherche unterstützen – strukturiert und quellenbasiert. Anstelle von generischen Suchanfragen erlauben spezialisierte Legal-AI-Tools eine gezielte Auswertung von Gesetzen und Rechtsprechung. Die Ergebnisse liefern Pro-/Contra-Argumentationslinien, Risikoanalysen und konkrete Handlungsempfehlungen – zum Beispiel ob eine Klausel verteidigt, ein Fallback angeboten oder ein Zusatzdisclaimer eingefügt werden sollte.
Wichtig: Auch bei quellenbasierten Ergebnissen bleiben menschliche Überprüfung und rechtliche Beurteilung unverzichtbar.
Due-Diligence-Prozesse und Dokumentenanalyse im grossen Massstab
Bei M&A-Transaktionen, Compliance-Prüfungen oder Vertragsaudits fallen oft dutzende oder hunderte Dokumente an. KI-gestützte Datenraum-Lösungen erlauben die parallele Extraktion definierter Informationsfelder aus grossen Dokumentenmengen – zum Beispiel Haftungsklauseln, Kündigungsfristen, SLA-Vereinbarungen oder IP-Regelungen. Die Ergebnisse werden in einer strukturierten Tabelle dargestellt, die sich für Excel oder interne Berichte nutzen lässt. Auffälligkeiten und Abweichungen – etwa eine Haftungsklausel ohne Cap oder eine ungewöhnlich lange Kündigungsfrist – werden gezielt markiert.
Korrekturlesen und Dokumentenqualität
Vor dem Versand eines Vertrags oder Schriftsatzes ist die formale Konsistenz entscheidend. KI kann Cross-References prüfen (existiert Ziffer 7.2 wirklich?), Definitionen auf Vollständigkeit und Einheitlichkeit kontrollieren, Platzhalter aufspüren, Widersprüche in Fristen oder Laufzeiten markieren und die schweizerische Schreibweise sicherstellen. Das ist kein Ersatz für eine inhaltliche Rechtsprüfung, aber ein effizienter Sicherheitsnetz für Dokumente kurz vor Versand.
Leistungsfähigkeit von KI im Vergleich zu Anwälten
Studien zeigen ein differenziertes Bild. Eine Benchmark-Untersuchung aus Juli 2025 (Vals AI), bei der über 200 juristische Fragen aus US-amerikanischen Kanzleien getestet wurden, ergab: Spezialisierte Legal-AI-Tools erzielten in der Gesamtbewertung durchschnittlich 74–78 Prozent, menschliche Anwälte ohne KI-Unterstützung kamen auf 69 Prozent. Bei Quellenqualität und Nachvollziehbarkeit lagen Legal-AI-Tools ebenfalls vor ChatGPT und den getesteten Anwälten.
Eine frühere Studie aus dem Jahr 2023 kam zu einem ähnlichen Befund: LLMs, die auf vertragliche Prüfaufgaben trainiert wurden, lieferten Ergebnisse auf dem Niveau von Junioranwälten – bei deutlich kürzerer Bearbeitungszeit.
Entscheidend ist dabei eine Einschränkung: Bei komplexen, kontextintensiven und mehrjurisdiktionellen Fragestellungen schnitten Anwälte in den Studien besser ab. KI ist ein leistungsfähiges Werkzeug für strukturierte, wiederholbare Aufgaben – kein vollständiger Ersatz für juristisches Urteilsvermögen.
Risiken und Grenzen von KI in der Anwaltspraxis
Halluzinationen bei allgemeinen KI-Tools
Das bekannteste Risiko ist das Halluzinieren: Allgemeine Sprachmodelle erfinden bei juristischen Anfragen in einem erschreckend hohen Anteil der Fälle nicht existierende Urteile, Paragraphen oder Quellen. Eine vielzitierte US-Entscheidung beruhte auf ChatGPT-generierten, fiktiven Gerichtsurteilen, die von einem Anwalt eingereicht worden waren. Der Unterschied zwischen allgemeinen Chatbots und spezialisierten Legal-AI-Tools liegt genau hier: Letztere arbeiten mit juristisch belastbaren Quellen und liefern nachvollziehbare, zitierbare Ergebnisse.
Haftung und Sorgfaltspflicht
Anwälte bleiben für die Qualität ihrer Arbeit verantwortlich – unabhängig davon, welche Werkzeuge eingesetzt werden. KI-generierte Outputs sind keine anwaltliche Leistung, sondern ein Hilfsmittel, das kritisch geprüft werden muss. Wer Vorschläge einer KI ungeprüft übernimmt, trägt das volle Haftungsrisiko.
Datenschutz und Verschwiegenheitspflicht
Die Nutzung von KI-Tools, die Mandantendaten in US-amerikanische Server übertragen oder ohne klare Datenhaltung arbeiten, ist mit der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht kaum vereinbar. Für Schweizer Kanzleien ist die Datenspeicherung in der Schweiz oder der EU – ohne Übermittlung in die USA – keine Kür, sondern eine Grundbedingung.
Regulierung und KI-Verordnung
Die europäische KI-Verordnung (EU AI Act) ist in Kraft und wirkt sich auch auf in der Schweiz tätige Kanzleien aus, soweit sie mit EU-Mandanten oder EU-Sachverhalten arbeiten. Die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) hat im Januar 2025 einen Leitfaden zur ordnungsgemässen KI-Nutzung für Anwälte veröffentlicht, der Pflichten zur Prüfung, Transparenz und Qualitätssicherung zusammenfasst – auch wenn er nur empfehlenden Charakter hat.
Worauf Schweizer Kanzleien bei der Toolauswahl achten sollten
Nicht jedes KI-Tool ist für den anwaltlichen Einsatz geeignet. Folgende Kriterien sollten bei der Evaluation eine Rolle spielen:
Datenhaltung: Wo werden Daten gespeichert? Gibt es eine Datenübertragung in die USA?
Zero Data Retention: Werden Dokumentinhalte nach der Verarbeitung gespeichert?
No Human Review: Können menschliche Dritte auf verarbeitete Dokumente zugreifen?
Spezialisierung: Ist das Tool auf juristische Arbeit zugeschnitten oder ein allgemeines Sprachmodell?
Integration: Arbeitet das Tool in der bestehenden Arbeitsumgebung – zum Beispiel direkt in Microsoft Word?
Nachvollziehbarkeit: Sind Ergebnisse quellenbasiert und überprüfbar?
Für Schweizer Kanzleien kommt hinzu, dass Tools ideal in der Schweiz oder der EU gehostet sein sollten und die schweizerischen Schreibkonventionen kennen – was für internationale Plattformen nicht selbstverständlich ist.
KI für Anwälte in der Praxis: Realistische Einordnung
KI ist heute kein Versprechen mehr – sie ist ein Produktivitätswerkzeug, das konkrete Zeitersparnisse bei strukturierten Aufgaben ermöglicht: Vertragsprüfung, Benchmarking, Dokumentenextraktion, Recherche, Qualitätssicherung. Gleichzeitig ersetzt KI keine fachliche Beurteilung und kann – insbesondere bei unspezialisierten Tools – zu Fehlern führen, die rechtliche und haftungsmässige Konsequenzen haben.
Die sinnvolle Nutzung von KI in der Anwaltskanzlei setzt daher voraus: geeignete Tools, klare interne Prozesse und ein kritisches Verständnis der Grenzen.
CASUS: Legal AI für Schweizer Kanzleien
CASUS ist eine Schweizer Legal-AI-Plattform, die direkt in Microsoft Word und als Web-App verfügbar ist. Alle Daten werden in der Schweiz oder der EU gehostet – ohne Übertragung in die USA, ohne menschliche Einsicht in Dokumente (No Human Review) und ohne Speicherung von Inhalten nach der Verarbeitung (Zero Data Retention). Für Kanzleien, die KI gezielt für Vertragsanalyse, Benchmarking, Due Diligence und Dokumentenqualität einsetzen wollen, bietet CASUS eine spezialisierte, auf Schweizer Anforderungen abgestimmte Lösung.
FAQ
Was kann KI für Anwälte konkret leisten?
KI unterstützt Anwälte bei strukturierten, wiederkehrenden Aufgaben: Vertragsanalyse, Risikobewertung, Vergleich mit Standards, juristische Erstrecherche, parallele Dokumentenauswertung im Rahmen von Due Diligence sowie sprachliche und formale Qualitätsprüfung vor Versand.
Wie zuverlässig sind KI-Ergebnisse in der juristischen Arbeit?
Spezialisierte Legal-AI-Tools arbeiten mit juristisch belastbaren Quellen und liefern strukturierte, nachvollziehbare Ergebnisse. Allgemeine Sprachmodelle wie ChatGPT halluzinieren bei juristischen Anfragen mit hoher Fehlerquote. Unabhängig vom Tool bleibt die menschliche Prüfung und Verantwortung unverzichtbar.
Dürfen Anwälte KI für die Bearbeitung von Mandantendaten nutzen?
Grundsätzlich ja – unter strikter Beachtung der Verschwiegenheitspflicht und der geltenden Datenschutzvorschriften. Entscheidend sind Datenhaltung (Schweiz/EU, keine US-Übertragung), Zero Data Retention und der Ausschluss menschlicher Einsicht durch Dritte.
Was ist der Unterschied zwischen allgemeiner KI (z. B. ChatGPT) und spezialisierter Legal AI?
Allgemeine Sprachmodelle sind nicht auf juristische Präzision ausgelegt und halluzinieren bei Rechtsthemen häufig. Spezialisierte Legal-AI-Tools nutzen juristisch belastbare Quellen, liefern parteibezogene Analysen und sind auf die Anforderungen der anwaltlichen Dokumentenarbeit abgestimmt.
Welche Risiken entstehen bei der KI-Nutzung in der Kanzlei?
Zentrale Risiken sind: Halluzinationen bei unspezialisierten Tools, Haftung bei unkritischer Übernahme von KI-Outputs, Verletzung der Verschwiegenheitspflicht durch unsichere Datenhaltung sowie Compliance-Anforderungen nach dem EU AI Act.
Welche Aufgaben bleiben auch mit KI beim Anwalt?
Strategische Einschätzung, Mandatsbewertung in komplexen und kontextintensiven Fällen, Haftungsverantwortung sowie die abschliessende Beurteilung von KI-generierten Outputs – diese Aufgaben verbleiben beim Anwalt.
Wie integriert sich Legal AI in die bestehende Kanzleiarbeit?
Gut konzipierte Legal-AI-Tools arbeiten direkt in der bestehenden Arbeitsumgebung, zum Beispiel als Microsoft Word Add-in. So entfällt der Wechsel zwischen verschiedenen Systemen, und Änderungen können formatgerecht im Dokument übernommen werden.







