BGer Digest: Mein Wochenendprojekt ist ein Bundesgerichtsentscheide Newsletter geworden – und ging viral
Kurze Vorwarnung: Dieser Beitrag ist persönlich. Ich schreibe ihn selbst, in Ich-Form, weil das Projekt, um das es geht, ursprünglich eine Wochenend-Idee war und sich innerhalb weniger Tage verselbständigt hat. Es geht um bger-digest.ch – einen täglichen Bundesgerichtsentscheide Newsletter, der gestern veröffentlichte Entscheide des Schweizerischen Bundesgerichts per KI zusammenfasst und morgens in dein Postfach schickt.
Als ich das Tool gebaut habe, war die Erwartung bescheiden: vielleicht zwei, drei Kolleg:innen abonnieren es, ich spare mir das tägliche Scrollen auf bger.ch, fertig. Jetzt sind es über 400 Jurist:innen, die den Digest täglich lesen. Und mit der Reichweite kommt – wenig überraschend – auch die Verantwortung, dass die Zusammenfassungen wirklich stimmen. Darum geht es in diesem Beitrag: was BGer Digest ist, warum ich ihn gebaut habe, und welche grösseren Updates ich nach den ersten Wochen mit echten Leser:innen ausgerollt habe.
Was ist der BGer Digest genau?
Der BGer Digest ist ein kostenloser, täglicher Bundesgerichtsentscheide Newsletter. Jeden Morgen bekommst du eine kuratierte Zusammenfassung der Entscheide, die am Vortag auf bger.ch publiziert wurden – auf einen Blick, verständlich, in der Sprache deiner Wahl und gefiltert nach deinen Rechtsgebieten.
Konkret kannst du bei der Anmeldung wählen:
Rechtsgebiet – Strafrecht, öffentliches Recht, Steuerrecht und neu auch Privatrechts-Unterkategorien wie Arbeitsrecht oder Mietrecht (statt nur generisch "OR")
Sprache – Deutsch oder Französisch (die Zusammenfassung kommt in deiner Sprache, unabhängig von der Originalsprache des Entscheids)
Umfang – nur die zur Publikation vorgesehenen Entscheide oder alles
Das Resultat ist eine Mail, die sich in unter fünf Minuten lesen lässt und dich auf dem Laufenden hält, ohne dass du selbst durch Aktenzeichen scrollen musst.
Warum ich das Ding überhaupt gebaut habe
Wer in der Schweiz als Jurist:in arbeitet, kennt das Problem: Das Bundesgericht publiziert laufend neue Entscheide, und die meisten davon rauschen unbemerkt vorbei. Leitentscheide schauen sich viele an, aber alles, was "nur" zur Publikation freigegeben wurde, liest kaum jemand systematisch. Dabei steckt genau dort oft die Präzisierung oder die stille Praxisänderung, die später relevant wird.
Ich wollte ein Tool, das mir diese Arbeit abnimmt – und zwar so, dass es sich wie ein Morgenkaffee anfühlt, nicht wie noch eine Aufgabe auf der To-do-Liste. Ein Bundesgerichtsentscheide Newsletter, der nicht aussieht wie ein juristisches Fachblatt aus dem letzten Jahrhundert, sondern kurz, klar und lesbar ist.
Also habe ich ein Wochenende investiert: Scraper für bger.ch, LLM-Call für die Zusammenfassungen, einfacher Mailversand, Landingpage. Online.
400+ Abonnent:innen – und plötzlich steigt der Druck
Nach dem ersten LinkedIn-Post ging es schnell. Innerhalb von ein paar Tagen hatten sich über 400 Jurist:innen registriert. Das war, ehrlich gesagt, überwältigend – und unangenehm zugleich. Weil mir klar wurde: Wenn 400 Leute den Digest jeden Morgen lesen, darf die Qualität nicht "Wochenendprojekt" sein.
Also habe ich mich hingesetzt, die letzten Ausgaben systematisch durchgeschaut, viel Feedback gesammelt – und in den letzten Tagen einiges ausgerollt. Hier die wichtigsten Updates.
Was sich beim BGer Digest gerade geändert hat
Keine Halluzinationen mehr
Zu Beginn gab es schlicht zu viele fehlerhafte Zusammenfassungen. Inhalte, die im Entscheid gar nicht standen, falsche Aktenzeichen, frei erfundene Erwägungen. Ich habe drei Dinge geändert: ein stärkeres Modell, eine bessere Scraping-Pipeline (sauberere Extraktion direkt von bger.ch) und kein Kontext-Cut-Off mehr bei längeren Entscheiden – auch 60-seitige Urteile werden jetzt vollständig verarbeitet. Das war die wichtigste Baustelle, und sie ist fertig.
"Zur Publikation vorgesehen" zuerst
Sehr viele Rückmeldungen liefen auf dasselbe hinaus: Die wirklich relevanten Entscheide sind die zur Publikation vorgesehenen. Der Newsletter ist deshalb jetzt zweigeteilt: Oben kommen die zur Publikation vorgesehenen Entscheide, darunter der Rest. Wer es kurz haben will, liest nur den oberen Teil – wer alles will, scrollt weiter.
Neue Kategorien im Privatrecht
Bisher gab es im Privatrecht nur "OR" als Sammelkategorie. Das war für die meisten zu grob. Neu kannst du gezielt Arbeitsrecht, Mietrecht und weitere OR-Unterkategorien abonnieren. Wenn du bereits Abonnent:in bist, klicke einfach im letzten BGer-Digest-Mail auf "Abonnement verwalten" und passe deine Filter an.
Bessere Zusammenfassungen: weniger Praxisänderung, weniger Boilerplate
Das war der Fehler, den ich beim Lesen am meisten gehasst habe: Bei fast jedem Entscheid wurde eine Praxisänderung behauptet, Gerichtskosten ausgewiesen, formale Hinweise wiederholt – obwohl davon nichts wirklich relevant war. Die Zusammenfassungen sind jetzt deutlich klarer und konziser, mit Praxisänderungs-Hinweis nur dann, wenn wirklich eine vorliegt.
Kein "ß" mehr
Ein Klassiker: Das Modell driftete gerne in bundesdeutsche Rechtschreibung (und Terminologie – "Bundesgerichtshof" statt Bundesgericht war mein Lieblings-Bug). Der Prompt orientiert sich jetzt explizit an Schweizer Rechtschreibung und Schweizer Rechtsterminologie. Falls dir trotzdem irgendwo ein "ß" oder ein "BGH" begegnet: bitte melden.
Französische Version repariert
Ein peinlicher Bug: Wer ein französisches Abo hatte und einen deutschen Entscheid bekam, las trotzdem die deutsche Zusammenfassung. Behoben. Französische Abos bekommen jetzt französische Zusammenfassungen – unabhängig von der Originalsprache des Urteils.
Was ich aus dem Projekt bis jetzt gelernt habe
Ein paar Beobachtungen, die ich gerne teile – falls du selbst an einem juristischen KI-Tool bastelst:
Generische Modelle sind nicht Schweizer. Ohne expliziten Schweiz-Prompt driftet jede Zusammenfassung Richtung deutschem Rechtssystem und deutscher Rechtschreibung.
Kontext-Cut-Offs sind tückisch. Lange Entscheide einfach abzuschneiden produziert subtil falsche Zusammenfassungen, die schwerer zu erkennen sind als offensichtliche Halluzinationen.
Reichweite ist kein Qualitätsbeweis. 400 Abonnent:innen bedeuten nicht, dass es 400 Leuten gefällt. Es bedeutet, dass 400 Leute die Chance haben, Fehler zu sehen.
Feedback ist Gold. Die besten Hinweise auf Fehler kamen aus den Antworten auf den Newsletter – Leute, die freundlich zurückschreiben und sagen: "In Erwägung 3.2 ist das nicht ganz so, wie dein Tool es darstellt." Praktisch jedes der oben genannten Updates geht auf so eine Mail zurück.
Abonnieren und Feedback geben
Wenn du selbst im Schweizer Rechtsumfeld arbeitest und einen pragmatischen Bundesgerichtsentscheide Newsletter ausprobieren willst, melde dich hier an: bger-digest.ch. Es ist kostenlos, die Anmeldung dauert eine Minute, und du kannst jederzeit wieder abbestellen.
Wenn du bereits Abonnent:in bist: Ich freue mich sehr über Feedback. Was funktioniert? Was nicht? Welche Filter fehlen? Welche Art von Entscheiden möchtest du häufiger, welche weniger? Am einfachsten antwortest du direkt auf die tägliche Mail oder schreibst mir auf LinkedIn.
Und weil dieses Projekt wirklich nebenbei entstanden ist: Jede ehrliche Rückmeldung hilft mir, den Digest von einem Wochenendprojekt zu einem Werkzeug zu machen, auf das sich Schweizer Jurist:innen verlassen können.
Bis morgen früh um 08:00 Uhr im Postfach.
– Celeste







